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    GEORGIA

    Sakartvelo.info

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    2010-03-04 20:28:07
    Süddeutsche Zeitung, Deutschland

    Abbas Khider und Nino Haratischwili erhalten heute die Förderpreise des Adelbert-von-Chamisso-Preises


    Der Genuss des Unverschämtseins;
    Martina Scherf, 4 März 2010

    Den Adelbert-von-Chamisso-Preis verleiht die Robert-Bosch-Stiftung jährlich für herausragende literarische Leistungen, deren Autoren nicht-deutscher Herkunft sind. Der Hauptpreis ging in diesem Jahr an die geborene Ungarin Terézia Mora für ihr bisheriges Gesamtwerk und den neuen Roman „Seltsame Materie”, der bereits im Herbst an dieser Stelle ausführlich besprochen wurde. Die beiden Förderpreise erhielten der gebürtige Iraker Abbas Khider für sein Debüt „Der falsche Inder”, einen geschickt konstruierten Episodenroman aus der Perspektive eines illegalen Flüchtlings, und die Georgierin Nino Haratischwili für ihre Theaterstücke, zuletzt „Georgia” und „Liv Stein”. Die Preisverleihung findet heute in der Allerheiligenhofkirche statt, morgen um 20 Uhr lesen die drei Autoren im Literaturhaus.

    SZ: Abbas, Sie sind nach Gefängnis und Folter aus dem Irak geflohen und jahrelang als „Illegaler” durch viele Länder gezogen, bevor die bayerische Polizei sie aufgriff und damit Ihre Zukunft in Deutschland besiegelte. Was brachte Sie dazu, dem Schrecken mit Humor zu begegnen?

    Khider: Mir war klar: Wenn ich meine Geschichte schreibe, will ich keine Erwartungen erfüllen. Nicht die von Trauer, Tod und Krieg, und nicht die von „1001 Nacht”. Ich will ein literarisches Werk schaffen. Also beschloss ich, mit Humor an die Sache ranzugehen. Später entdeckte ich, dass ich dadurch selbst mit den schlimmen Ereignissen besser umgehen kann. Die Ironie war genauso ein literarisches wie ein Mittel zur Selbstrettung.

    SZ: Ist die Aufzählung der „Wunder”, die Ihnen begegneten, zum Beispiel der geplatzte Autoreifen bei einem Gefangenentransport, der Sie vor der Erschießung bewahrt hat, auch so ein Trick?

    Khider: Ich versichere Ihnen: Alles ist wirklich passiert, ich habe es nur mit ein bisschen Phantasie ausgeschmückt.

    SZ: Ihr Erzähler sagt einmal, nach all den omnipräsenten Bildern von Diktatoren wolle er endlich in einem ,,Land ohne Lügen‘‘ leben. Sind Sie dort angekommen?

    Khider: So was gibt es ja nicht. Nehmen wir nur mal die Waffenhändler. Fragt jemand, wohin unsere Steuergelder gehen? Während wir unsere Freiheit genießen, stirbt anderswo gerade ein Mensch durch ein deutsches Gewehr. Aber wenn sie einen illegalen Flüchtling erwischen, dann schlägt die Härte des Gesetzes voll zu.

    SZ: Nino, Gewalterfahrungen spielen auch in Ihrem Stück „Georgia” eine Rolle, in dem eine in Deutschland lebende Georgierin auf Heimaturlaub unbequeme Fragen stellt und feststellt, dass keiner so recht darüber reden will. Lässt sich diese Kommunikationsblockade überwinden?

    Haratischwili: Ich hoffe! Noch hat man sich im Osten in der Rolle des Opfers einquartiert und wirft jenen, die weggegangen sind, vor: Du leidest ja nicht mit uns.

    SZ: Opfer wovon?

    Haratischwili: Georgien war bis 2008, als der jüngste Krieg ausbrach, ein vergessenes Land. Die Kriege der 90er Jahre haben im Ausland niemanden interessiert – da war der Balkankrieg, die deutsche Wiedervereinigung. Mein Vater ist in der Sowjetära groß geworden und hat den Anschluss nicht geschafft, aber die Jungen haben nur noch Statussymbole im Kopf.

    SZ: Die Väter als Repräsentanten eines patriarchalischen Systems kommen in beiden Büchern schlecht weg, der eine Russenfreund, der andere Saddam-Anhänger.

    Khider: Ich erinnere mich: 1983, da war ich zehn, wurde im Fernsehen ein Mann als Nationalheld geehrt, der seinen eigenen Sohn getötet hat, nur weil der nicht zum Militär wollte. Die Weiblichkeit ist für mich ein Zeichen für Frieden, die Männlichkeit für Krieg.

    SZ: Was müsste sich ändern?

    Khider: Vor allem braucht es kulturellen Widerstand und Bildung! Frauen müssen in der Gesellschaft mitreden können.

    SZ: Sie waren 2003, nach dem Einmarsch der Amerikaner, erstmals wieder im Irak, und 2009 nochmal. Herrscht im Alltag jetzt mehr Demokratie?

    Khider: Nur ein Beispiel: Ich suchte mein altes Kino auf, in das ich früher so gerne ging, und was lief da?

    Haratischwili: Eine schlechte Komödie oder ein Kriegsfilm.

    Khider: Ein Porno! Und zwei US-Panzer als Wache davor. Das ist, was sie uns bringen – aber Frauen können immer noch nicht allein auf die Straße. Ich schrieb ein Buch über „Khakismus”, weil alles von der Farbe des Militärs bestimmt ist. Jetzt gibt es eine neue Art von Gewaltkultur, die der Amerikaner und ihrer Verbündeten. Sie bezahlen sogar Schriftsteller: Die, die früher für Saddam schrieben, verfassen jetzt Hymnen für die Marines.

    SZ: Damit wären wir wieder bei den Lügen und dem verordneten Pathos.

    Khider: Ja, aber das ruft auch Widerstand hervor.

    Haratischwili: Man schafft sich eine Gegenwelt. Während meines Urlaubs 2008 in Georgien brach über Nacht der Krieg aus. Da sagten meine Freunde: Lass’ uns feiern. Sie haben gekocht, Gitarre gespielt und gesungen, und alle sagten: Du bist ja richtig deutsch, entspann’ dich mal. Wenn wir sterben, können wir jetzt auch nichts mehr ändern.

    Khider: Ich habe nie so viele Gedichte geschrieben wie während des Krieges. Die Erde wackelt wie eine Bauchtänzerin von den Raketen, du wartest auf den Tod, und abends treffen sich alle in einem Haus mit Batterienradio. So lernte ich endlich mal die Frauen in der Nachbarschaft kennen!

    SZ: Spätestens durch diesen Preis sind Sie nun im Literaturbetrieb angekommen. Wenn Sie, zum Beispiel auf der Leipziger Buchmesse, mit deutschen Kollegen ins Gespräch kommen, haben Sie dann gemeinsame Themen?

    Haratischwili: Die Klischees, als ob alles immer „autobiographisch, exotisch, schlimme Kindheit” sei, nerven manchmal. In der Theaterwelt, wo ich mich bisher bewegte, erlebe ich das nicht – die haben alle bunte Biographien.

    Khider: Wenn ich mit Migranten rede, dann sprechen wir schneller über das Leben, Philosophie, Literatur oder Politik.

    Haratischwili: In Deutschland geht es immer so: Jemand hängt einen Plan auf, dann kommt ein Pfeilchen dahin, eine Figur dorthin – alles wird strukturiert. Man ist lieber zynisch, als Gefühle zu zeigen. Das ist mir immer noch fremd, auch dieses Stoff-Sammeln oder etwas zu schreiben, nur weil das Thema gerade Kulturmagazine interessiert.

    Khider: Jetzt müssen wir aber noch was Gutes sagen über die Deutschen. Was ist für dich am schönsten?

    Haratischwili (überlegt): Die Freiheit. Einschränkung: außerhalb der Ausländerbehörde.

    Khider: Nicht nur das. Ich habe in Deutschland die ernsthaftesten Freunde.

    SZ: Sie leben beide schon seit mehr als zehn Jahre in Deutschland. Was hat sich dadurch für Sie verändert?

    Haratischwili: Solange das Fremdsein immer Thema ist, bin ich nicht angekommen. In meinem Fall kommt das Geschlecht hinzu – jung, weiblich, exotisch. Aber das Nomadendasein ist auch ein Geschenk. Du bist nirgends und überall, und dadurch frei.

    SZ: Nomadentum als Geschenk, würden Sie das unterschreiben?

    Khider: Vor 2003 hatte ich nur einen Traum: die Heimkehr in den Irak. Dann fuhr ich hin und begriff: Der Irak, den ich mitnahm, war eine ideale Idee. Er existiert so nicht. Da fing mein Leben neu an, und mit der Zeit wurde die deutsche Sprache mein Exil. Sie erlaubt mir, zu sein, wie ich bin, zu schreiben, was ich will. Ich kann auch unverschämt sein und genieße es! Ich habe mir in der deutschen Sprache eine Heimat erfunden und lebe darin.

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